Chemie fürs Leben in der Sekundarstufe II

Viele der an den Chemieunterricht der Sekundarstufe I gestellten Forderungen lassen sich auch auf die Sekundarstufe II übertragen, wie beispielsweise die Allgemeinbildungsrelevanz der Inhalte, die Schaffung von Alltagsbezügen und die Einbeziehung aktueller Themen oder die Förderung von Schüleraktivitäten im Lernprozess. Zwar besteht aufgrund der höheren geistigen Fähigkeiten und Vorkenntnisse der Schülerinnen und Schüler in der Sekundarstufe II keine Notwendigkeit mehr, auf formale Deutungen von Reaktionen zu verzichten, allerdings profitieren auch sie von einem alltags- und anwendungsbezogenen Chemieunterricht. Neben dem hohen motivationalen Effekt bei der Beschäftigung mit Stoffen aus dem Umfeld der Schülerinnen und Schüler wird auf diese Weise auch der allgemein bildende Wert des Chemieunterrichts verdeutlicht.

Betrachtet man die derzeitigen Inhalte der Grund- und Leistungskurse, so fällt auf, dass die Alltagsbezüge mit der Höhe der fachlichen Anforderungen abnehmen. Die Vermittlung der Fachwissenschaft steht oft im Vordergrund des Oberstufen-Chemieunterrichts, teilweise werden sogar bereits Inhalte aus dem Grundstudium der Diplomchemie vermittelt. Des Allgemeinbildungsauftrages der Gymnasien entsprechend sollte stattdessen der Schwerpunkt dahingehend gesetzt werden, ein fundiertes und anwendbares chemisches Grundwissen zu erarbeiten und zu festigen, auf dem die Schülerinnen und Schüler bei einer Entscheidung für einen chemiebezogenen Studiengang (Medizin, Pharmazie, Biologie und auch Chemie) oder einen Ausbildungsberuf (Medizintechnik, Laboranten) sicher aufbauen können.

In eben diesem Punkt zeigen Abiturienten jedoch deutliche Defizite. So haben Umfragen bei Studienanfängern der Diplomchemie gravierende Mängel hinsichtlich der Beherrschung und der Anwendung grundlegender Wissensinhalte ergeben, und das gerade bei denjenigen Abiturienten, denen in der Regel durchgängig bis zum Grund- oder Leistungskurs Chemieunterricht erteilt wurde. Angesichts dieser Ergebnisse darf man sich hinsichtlich der Kompetenzen weniger chemieinteressierter Abiturienten sicher keinen Illusionen hingeben. Der jetzige Chemieunterricht der Oberstufe scheint demnach die Vermittlung grundlegender Kenntnisse und Einsichten in chemische Prinzipien trotz des hohen fachwissenschaftlichen Anspruchs in den Grund- und Leistungskursen nicht zur Befriedigung leisten zu können.

Diskutieren ließe sich in diesem Zusammenhang sicherlich auch der vorangegangene Chemieunterricht der Sekundarstufe I. Die Defizite, die hier aufgetreten sind, wirken sich natürlich hemmend auf den Lernerfolg im Oberstufenunterricht aus. Sicherlich kann grundsätzlich hinterfragt werden, inwieweit die Vermittlung universitärer Fachinhalte wirklich sinnvoll ist. Zudem lassen sich auch anspruchsvolle, fachliche Inhalte durchaus alltags- und anwendungsbezogen erarbeiten.

Wie sich dieses Vorhaben realisieren lässt, haben wir inzwischen an einigen Beispielen gezeigt. Eine Unterrichtskonzeption findet man unter dem Kapitel „Elektrochemie“, weitere kürzere Einheiten in den im Folgenden aufgelisteten Publikationen.


M. Rossow, J. Freienberg, A. Flint  "Aludrox® - Löslichkeit, Amphoterie und Pufferwirkung am Beispiel eines Antazidums"   [PdN-ChiS 7/50, Jg 2001, S. 45ff.]

A. Schmidt, J. Freienberg, A. Flint  "'Backpulver' und das Prinzip von Le Chatelier"  [CHEMKON 3/2002, S. 142f.]

K. Neumann, J. Freienberg, A. Flint   "Seife aus Butter und 'Rohrfrei'"  [CHEMKON 3/2003, S. 143 f.]

M. Rossow, A. Flint "Natrium aus Natriumhydroxid und Magnesium – ein Widerspruch zur Spannungsreihe?"  [CHEMKON 3/2005, S. 129.]

A. Flint, W. Jansen  "Redox-Reihe = Spannungsreihe?"  [CHEMKON 4/2005, S. 187.]

A. Lingel, C. Arndt, J. Freienberg, A. Flint  "Ester der Zitronensäure"   [PdN-ChiS 8/55, Jg. 2006, S. 41 ff.]

I. Leppin, C. Voß, J. Freienberg, R. Evers, A. Flint  "Thermochromie – ein altes und neues faszinierendes Phänomen" [CHEMKON 1/2008, S. 19 ff.]

I. Leppin, C. Voß, J. Freienberg, R. Evers, A. Flint  "Thermochromie – ein altes und neues faszinierendes Phänomen – Fachliche Korrekturen" [CHEMKON 2/2008, S. 88 f.])